IMG 5020aDarf man in der momentanen Zeit mit Schüler*innen ins Theater gehen? Oder soll man das sogar, wenn allenthalben gesagt wird, dass die Kultur ein wesentlicher Bestandteil unseres Daseins bleiben muss, gerade wenn das öffentliche Leben aus Rücksicht auf unser aller Gesundheit zurückgefahren wird?

 

Die Fachschaft Deutsch am Ursulinen Gymnasium entschied sich für die Bejahung der zweiten Frage, und so erlebte die Q 11 kürzlich die Inszenierung des Landestheaters Niederbayern von J. W. v. Goethes „Urfaust“ in Straubing unter der Regie von Schauspieldramaturg Peter Oberdorf. Ein Theaterbesuch ist immer ein besonderes Ereignis, die derzeitigen strengen Hygienevorschriften bleiben sicher zusätzlich in Erinnerung. Distanz – dieses aktuelle Schlagwort begegnete uns nicht nur als Zuschauer, es war auch das Konzept, mit dem der Regisseur den bekannten Fauststoff bzw. das Fragment des Urfaust auf der Bühne lebendig werden ließ, ein Konzept, nicht als „coronagerechte Version“, sondern als natürliche Erscheinung der zeitlos aktuellen Themen in Goethes Meisterwerk. Es ist einerseits die Distanz des Wissenschaftlers Faust von der Gesellschaft als selbst gewählte Isolation, aber auch die Distanz der unterschiedlichen Lebensziele von Faust und Gretchen, die nach kurzer Illusion von Liebe Gretchens Schicksal besiegelt. Weggeschlossen im Kerker wartet sie auf ihre Hinrichtung. Das Böse in Form von Mephisto erweist sich hier zusätzlich als unüberbrückbares Hindernis zwischen den beiden Protagonisten.
Da moderne Inszenierungen von Klassikern häufig auf Kritik stoßen, erwies es sich als besonderen Glücksgriff, dass Regisseur Peter Oberdorf sich die Zeit nahm, um mit unseren Schülerinnen ausgiebig über seine Interpretation des Dramas zu diskutieren oder Fragen zu beantworten, z.B. die Darstellung Mephistos als Frau (androgyne Erscheinung der Schauspielerin zeigt die Ambivalenz des Bösen), Gretchens erste Begegnung mit Faust in Auerbachs Keller, dann Kostümwechsel auf der Bühne (Gretchen nicht nur „unschuldiges Kind“, sondern als Mensch mit Begierden, lässt sich von Faust verführen). Und wenn auch nicht alle Interpretationen Oberdorfs bei den Schülerinnen auf ungeteilte Zustimmung stießen, so war man sich doch uneingeschränkt einig: Der Theaterbesuch war ein besonderes Erlebnis und seine moderne Inszenierung dieses Klassikers ganz gewiss nicht langweilig!

Ergänzung: Zur Zeit des Besuchs von Herrn Oberdorf an unserer Schule durfte die Maske vom Lehrer bei genügend Abstand zu den Schülerinnen abgenommen werden.